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Rückblick zur Reise nach Israel 2019

Reise nach Israel 2019

Reise nach Israel 2019. Gespräche an der Bialik-Rogozin-Schule in Tel Aviv

Die Reiseleiterin Naomi

Die Reiseleiterin Naomi

Eine Postkarte der Reise

Reisenotizen: Postkarte

Stationen der Reiseroute

Stationen der Reiseroute

Fotos: Simone Mertsch

Fotos: Simone Mertsch

Die diesjährige Israelreise stand unter dem Motto "Israel - (k)ein Einwanderungsland?" und wurde von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz in Kooperation mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V. Arbeitsgemeinschaft Mainz durchgeführt.

Die nächste Israel-Reise der Landesezentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz wird von 12. bis 21. Oktober 2020 stattfinden. Themen werden dann Kultur, Wissenschaft und Bildung sein. Bitte merken Sie sich das Datum gerne schon vor.

Frau Simone Mertsch, die an der Israelreise Anfang November 2019 teilgenommen hat, hat dazu Notizen verfasst, die wir im folgenden mit einem herzlichen Dank an Frau Mertsch wiedergeben. Die Reisenotizen geben einen subjektiven Eindruck der Reise wieder, gleichzeitig bieten sie dadurch einen Einblick in die Reise, das Land und einige Erfahrungen anläßlich der Reise.

 

Reisenotizen von Simone Mertsch
Studienreise Israel im November 2019

Für Naomi

Postkarte I Manfred, meinem politischen Weggefährten, geht es nicht gut. Ob er nochmal nach Israel reisen wird, ist fraglich. Er möchte, dass ich ihm eine Postkarte schreibe. Ich verspreche es. Insgeheim habe ich vor, ihm täglich eine zu schreiben. Dann freut er sich und kann gefühlt doch irgendwie dabei sein. Von zu Hause nehme ich drei Postkarten als Starterpack mit. Briefmarken muss ich vor Ort erwerben, das sollte kein Problem sein.

„Freunde!“ Naomi ruft uns. Sie ist unsere allwissende Reiseleiterin. Im Bus sitzt sie vorne rechts auf dem Platz mit dem Mikrofon, durch das sie uns ohne Pause an ihrem Wissen über unser Reiseland und seine Bewohner*innen teilhaben lässt. Von ihrem Sitz aus stimmt sie sich mit Hassan, dem besten Busfahrer Israels, über die Route ab. Wir sind 26 Teilnehmende der Studienreise „Israel – (K)ein Einwanderungsland?“ der Landeszentrale für Politische Bildung Rheinland-Pfalz. Die Reisekonstellationen unterscheiden sich: manche sind als Geschwister oder Ehepaar zu zweit unterwegs, andere sind Einzelreisende. Auch sind unterschiedliche Berufsgruppen vertreten: Eine Apothekerin nimmt teil, ein Journalist, eine Psychotherapeutin, ein Schriftsteller und Übersetzer, eine Historikerin… Die Liste ließe sich fortsetzen, aber das soll hier nicht Thema sein. 

In meiner Umgebung gibt es ein dominantes Israelnarrativ. Es fällt in die Kategorie „Was die Israelis mit den Palästinensern machen“ und wird beispielsweise in Vorträgen verbreitet. Erzählungen von gelingender Zusammenarbeit zwischen Juden und Palästinensern waren in der Vergangenheit nur selten zu hören. Das kam mir im Laufe der Zeit immer merkwürdiger vor. Es war klar, dass es nicht nur diese eine Erzählung über Israel geben konnte. Eines der wenigen anderen Narrative, die ich gehört habe, stammt von Micha Brumlik. In einem Vortrag erwähnte er, dass Muslime von Marokko bis Malaysia nirgendwo so viele Rechte haben wie in Israels Demokratie und empfahl, zuzuhören und sich gut zu informieren. Wo aber die anderen Perspektiven aus erster Hand finden? Anlässlich der Fachtagung für Antisemitismus wurde diese Studienreise angeboten. Die kam mir gerade recht, und die Anmeldung war umgehend ausgefüllt.

Postkarte II In Jerusalem angekommen frage ich als erstes Naomi, wo ich Briefmarken kaufen kann. Auf der Post, aber sie wüsste nicht, ob wir da vorbeikommen. Ich versuche es an der Hotelrezeption: Sie haben keine, meinen aber, der Hotelshop habe welche. Im Shop erklärt mir der Verkäufer, dass er schon lange keine Marken mehr anbiete. In Israel schreibe niemand mehr Postkarten. 

Yeroham
Yeroham ist eine kleine Stadt nahe Be’er Sheva in der Wüste Negev. Dort treffen wir Shai. Schnell entpuppt er sich als großartiger Erzähler, der es mühelos schafft, uns in seinen Bann zu ziehen. In der Berichterstattung über Yeroham gehe es oft nur um die hohe Arbeitslosigkeit und Armut, sagt er. Andere wichtige Aspekte würden ausgeblendet. Er erzählt uns, was seiner Ansicht nach zu selten erzählt wird: 
Nach dem Holocaust wanderten viele Jüd*innen nach Israel ein. Die größte Gruppe stellten die askenasischen Jüd*innen aus Mittel- und Osteuropa. Aus Marokko, Algerien und Tunesien kamen in den 50er- und 60er-Jahren die sephardischen Jüd*innen. Der Staat Israel wollte, dass die Neuankommenden nicht nur in die großen Städte, sondern auch in die Fläche ziehen. Ein sephardischer Einwanderer zum Beispiel äußert in der Einwanderungsbehörde, dass er sich in Jerusalem ansiedeln möchte. Kein Problem, lässt man ihn wissen und gibt ihm Brief und Siegel darauf. Ich bin Goldschmied, sagt er. Sehr gut, wir brauchen Goldschmiede in Jerusalem, ist die Antwort. Ich habe acht Kinder, sagt er. Auch kein Problem, sie kommen selbstverständlich mit nach Jerusalem. Im festen Glauben, nach Jerusalem gebracht zu werden, steigt er mit seiner Familie des Nachts in einen Bus. Hoffnungsvoll blickt er seiner Zukunft entgegen, denn schließlich werden Goldschmiede gesucht in Jerusalem. Als die Fahrt nach Stunden zu Ende ist, steigen er und seine Lieben aus. Sie wissen nicht, wo sie sind. Dies sei Jerusalem, versicherte man ihnen. Untergebracht werden sie in Zelten. Es dauert bis sie feststellen, dass man sie nicht in ihren Wunschort, sondern mitten in die Wüste geschickt hat. Sie haben nicht die Mittel, um wieder von dort wegzukommen und müssen sich mit den vorgefundenen schwierigen Gegebenheiten abfinden, ob sie wollen oder nicht.
So wie in diesem Beispiel sei es vielen sephardischen Jüd*innen ergangen, sagt Shai. „Man hat die genommen, die keine Ahnung und keine Wahl hatten,“ bestätigt Naomi. Shai ist wichtig, dass diese Erzählung neben den anderen Einwanderungsnarrativen nicht in Vergessenheit gerät.

Postkarte III Der Stapel nicht abgeschickter Postkarten auf meinem Nachttisch wächst. Ich lobe einen Preis aus: Wer mir Briefmarken besorgt, bekommt Drinks ausgegeben. Es hilft nichts. Theresia liest mir aus ihrem Reiseführer vor: Man muss ein Postamt finden. Man muss deren Öffnungszeiten beachten. Man muss eine Wartemarke ziehen. Man sollte sich auf längere Wartezeiten einstellen. Meine Hoffnung schwindet.

Bialik Rogozin – International Campus School in Tel Aviv
Ich bin Lehrerin. Die Möglichkeit der Unterrichtsbefreiung für islamische Feiertage wurde vor einigen Jahren an rheinland-pfälzischen Schulen eingeführt. Das hat bei einigen Kolleg*innen für Unmut gesorgt, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Die Bialik-Rogozin-Schule in Tel Aviv hat die Sache mit den Feiertagen verschiedener Religionsgruppen ganz einfach geregelt: Man feiert einfach alle, die jüdischen, muslimischen, christlichen usw. Entsprechende Freistellungen werden gewährt. Die Bialik-Rogozin-Schule ist eine Schule für alle Kinder, unabhängig davon, ob sie einen Aufenthaltsstatus in Israel haben oder nicht. Galit und ihre Kolleg*innen kümmern sich um Kinder von Wanderarbeiter*innen, Geflüchteten und Neueinwanderer*innen. Besonderes Augenmerk gilt Kindern mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Galit erzählt uns, dass es die Möglichkeit gibt, Nachhilfestunden und muttersprachlichen Unterricht zu erhalten. Letzterer wurde eingeführt nachdem das Kollegium feststellte, dass einige Kinder ihre Herkunftssprache nicht beherrschen. Über 90 % der Schüler*innen schließen die Schulzeit mit Abitur ab (Landesdurchschnitt: 51 %). Ein kurzer Film der Bertelsmann Stiftung mit Salam, Schülerin der Bialik-Rogozin-Schule: 
www.bertelsmann-stiftung.de/de/mediathek/medien/mid/ein-zuhause-in-der-fremde-kurzversion/

Postkarte IV Wir fahren in palästinensisches Autonomiegebiet und besichtigen eine Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche. Im dortigen Shop liegen Briefmarken in der Auslage. Ich bin im siebten Himmel und will gleich zwanzig Stück kaufen. Die Freude währt nur kurz: Sie gelten nicht in Israel. Entnervt gebe ich auf. Es ist unmöglich, in Israel Postkarten zu verschicken, soviel ist sicher.

Bomben auf Israel
Seit dem 12. November 2019, einen Tag nach unserer Rückkehr aus Israel, wurden über 450 Raketen aus Gaza auf Israel abgefeuert. 90 % davon wurden abgefangen, 40 Menschen wurden verletzt. Guy Azriel, der israelische Journalist hat unserer Reisegruppe in Tel Aviv genau das erzählt, was jetzt wieder passiert: Eine ausgewogene Berichterstattung findet nicht statt. Die Tagesschau meldet auf Twitter „Israel tötet Islamistenführer in Israel“ (12.11.19), „Nach gezielter Tötung: Angst vor neuem Gaza-Krieg“ (12.11.19) und „Tote und Verletzte durch Israels Luftangriffe“ (14.11.19). Es gibt keinen Tweet zu den Taten der Islamisten. Der deutsche Blick auf Israel, der ohnehin auf den Nahost-Konflikt fixiert ist, erfährt durch ein solches Framing eine weitere Verengung. Die Tagesschau suggeriert mit ihrer Berichterstattung, allein Israel sei verantwortlich für den Konflikt. Damit trägt sie maßgeblich zum weit verbreiteten negativen deutschen Israelbild bei. Michael Wolffsohn twittert, dass die Tagesschau mit ihrer Berichterstattung islamistischen Terror rechtfertigt. Guy lebt in der Nähe des Gazastreifens. Ich hoffe, es geht ihm und seinen Lieben gut.

Postkarte V Haifa, Ankunft am Hotel. „Guck mal, Simone, da ist eine Post!“ ruft Ulrike. Tatsächlich, direkt gegenüber vom Hotel befindet sich eine kleine Poststelle. Ich bin misstrauisch. Bestimmt geht wieder etwas schief. Am nächsten Tag werde ich dort vorstellig: Es gibt besagten Wartebereich, in dem bereits acht Leute sitzen. Unser Bus steht mit laufendem Motor gegenüber vor dem Hotel in den Startlöchern. Eine Frau bedeutet mir, ein Märkchen zu ziehen. Ich gehe zum Automaten, es klappt nicht. Eine weitere Frau erbarmt sich und zieht mir eines, die dreizehn. Die Wartezeit dehnt sich wie Kaugummi, ich schiele ständig nach dem Bus. Endlich bin ich an der Reihe. Da sind sie, direkt vor meinen Augen, die Dinger, die schwerer zu finden sind als das Bernsteinzimmer: Briefmarken. Ich kaufe zehn Stück und erkundige mich noch nach einem funktionstüchtigen Außenbriefkasten. Links vom Gebäude soll sich einer befinden. Das kann ich jetzt nicht prüfen und troll mich eiligst zum Bus. Am Abend dann die Erlösung: Der Kasten ist am beschriebenen Ort. Manfred wird sich freuen: Er bekommt einen ganzen Schwung Postkarten auf einmal.

Es gibt so viele innerisraelische Perspektiven, wie Menschen dort leben. Einen kleinen Ausschnitt daraus haben wir kennengelernt: Suleyman, der evangelisch-lutherische Palästinenser, der uns mit seinem Kollegen durch den Jerusalemer Tempelbezirk, in den Felsendom und durch Bethlehem führt. Evi, die jüdische Mitbegründerin des Friedensdorfes Neve Shalom, in dem Juden und Palästinenser zusammenleben und arbeiten, und die mit einem Palästinenser verheiratet ist. Amos, der Zeitzeuge, der 1938 als Kind mit seinen Eltern aus dem Schwäbischen ausgewandert ist und sich mit ihnen auf angekauftem Land ansiedelte. Naomi, unsere Reiseführerin, die einem wandelnden Israellexikon gleicht. Sie kann jede Frage aus dem Stehgreif beantworten und legt dabei eine Engelsgeduld an den Tag. Hassan, unser Fahrer, den auch eine Panne nicht aus der Ruhe bringen kann.

Viele israelische Juden sprechen Deutsch. Das hat einen Grund. Die Shoah sollten insbesondere wir Deutsche nicht ausblenden und versuchen, etwas über das Land und seine Menschen zu lernen. Am besten vor Ort. Am allerbesten mit Naomi. Und ansonsten: Nach Israel ist vor Israel!

Simone Mertsch