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Land und Leute: Paul Wallot

"Preisgekrönter Entwurf zum Reichstagsgebäude von Paul Wallot in Frankfurt am Main." Bild aus Seite 517 in "Die Gartenlaube", 1882. Public Domain, Wikimedia Commons.

Paul Wallot ist vielleicht der heute unbekannteste Oppenheimer, dessen berühmtestes Werk jeder kennt. Sein Entwurf gewann 1882 den Architektenwettbewerb für den Deutschen Reichstag. Er wurde mit den Bauausführungen beauftragt, die erst 1894 endeten. Sein prominentester Gegenspieler in dieser Zeit war Kaiser Wilhelm II. Johann Paul Wallot wurde am 26. Juni 1841 in Oppenheim am Rhein in eine Winzerfamilie geboren. Seine Vorfahren waren im 17. Jahrhundert als hugenottische Glaubensflüchtlinge dorthin geflüchtet.

Schon früh zeigte sich sein künstlerisches Talent, u.a. in Aquarellen und Zeichnungen. Er besuchte von 1856 bis 1859 die Höhere Gewerbeschule in Darmstadt, Vorgängerinstitut der späteren Technischen Hochschule, studierte dann an der Polytechnischen Schule in Hannover von 1859/60. Weitere Studien absolvierte er 1861 bis 1863 an der Berliner Bauakademie und beendete 1864 sein Studium an der Bauschule der Universität Gießen mit der Baumeisterprüfung. Sein Arbeitsleben als Architekt begann er kurz im Hessischen Staatsdienst als „Bauakzessist“. Vvon 1864 bis 1867 war er bei Johann Heinrich Strack, Richard Lucae, Friedrich Hitzig sowie Gropius & Schmieden in Berlin. Studienreisen führten ihn nach Italien, Ägypten und in den Nahen Osten. Ab 1868 arbeitete Wallot bis 1883 als Privatarchitekt in Frankfurt am Main, wo er zahlreiche Privat- und Geschäftshäuser baute. Nach einer weiteren Studienreise nahm er an verschiedenen Architekturwettbewerben teil, so für das Niederwalddenkmal und für den Frankfurter Hauptbahnhof.

1882 beteiligt er sich wie 189 andere Architekten am Wettbewerb für das geplante nationale Parlamentsgebäude und gewann mit seinem Entwurf. Doch 12 Jahre vergingen, bis sein Werk vollendet wurde. Zuerst sollte die Akademie für Bauwesen beratend mitwirken. Doch viele Mitglieder der Akademie hatten eigene Entwürfe im Wettbewerb gehabt. Pedantische Kritik ließ Zweifel an der Objektivität der Berater aufkommen. Zusätzlich verlangte die Bauabteilung im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten umfangreiche Änderungen. Wallot musste regelmäßig neue Entwürfe vorlegen. Erst am 9. Juni 1884 konnte der Grundstein gelegt werden. Ausgerechnet beim symbolischen ersten Hammerschlag Wilhelms I. zersprang dessen Werkzeug.

Nach seinem Amtsantritt 1888 unterstützte Kaiser Wilhelm II. Paul Wallot anfangs insbesondere in der Kuppelfrage. Diese wurde wieder für die Mitte des Gebäudes geplant, obwohl Wilhelm der Kuppel als Symbol der Ansprüche des Parlaments eigentlich ablehnend gegenüberstand. Nachdem Wallot einen Änderungswunsch des Kaisers als unmöglich abgelehnt hatte, demütigte Wilhelm II. den Architekten bei vielen Gelegenheiten. Er bezeichnet das Gebäude als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ und „völlig verunglückte Schöpfung“. In seiner Abneigung gegen den Parlamentarismus schmähte Wilhelm den Reichstag sogar als „Reichsaffenhaus“. Auch verschiedene Ehrungen für Wallot behinderte er.

Die Schlusssteinlegung fand trotz allen Turbulenzen schließlich am 5. Dezember 1894 statt. Paul Wallot machte mit Kaiser und Kaiserin einen Gebäuderundgang. Öffentlich hörte man von Wilhelm II. an diesem Tag nur Lob. Nach Angaben des Bundestages (s. Bundestagswebsite) wollte Paul Wallot „eine architektonische Parallele zur Vereinigung der deutschen Kleinstaaten und Kulturkreise im Deutschen Kaiserreich“ schaffen. „Für die Außenform verwendet er hauptsächlich Formen der italienischen Hochrenaissance und verbindet sie mit einigen Elementen der deutschen Renaissance, mit etwas Neobarock und der damals hochmodernen Stahl- und Glaskonstruktion der Kuppel. Das Ergebnis wird von vielen Kritikern nicht als gelungene Synthese erlebt, sondern als Neben- und Durcheinander. Traditionalisten lehnen die technische Modernität der Kuppel ab, jüngere Kritiker können sich nicht mit dem massiven Quaderbau im Stil der Renaissance anfreunden.“ Die 24 Millionen Mark hohen Baukosten beglich man aus den französischen Reparationen des Krieges von 1870/71.

Doch der Streit um den Reichstag war noch nicht vorbei: Bei der Vorstellung der Entwürfe zur Innenausstattung am 1. März 1899 im Reichstag gab es tumultartige Ausschreitungen. Der Westerwälder Zentrumsabgeordnete Ernst Maria Lieber aus Montabaur führte die Kritiker an. Noch am gleichen Tag trat Wallot als Leiter der sog. Ausschmückungskommission zurück. Seit 1885 war Paul Wallot Mitglied der Akademie der Künste, seit 1894 auch Mitglied der Akademie des Bauwesens. Von 1894 bis 1910 lehrte er als Professor an der Kunstakademie und an der TH Dresden. Von dort aus leitete Wallot von 1897 bis 1907 den Bau des Reichstagspräsidentenpalais, heute Sitz der Parlamentarischen Gesellschaft.

1911 ging Wallot in den Ruhestand und zog nach Wiesbaden-Biebrich. Er starb während eines Kuraufenthaltes am 10. August 1912 in Langenschwalbach.

Weitere Informationen:

- Bundestag